Goodbye Haltbarkeitsdatum: Lebensmittel dank Bisin für Jahre frisch?

26. 8.2011 04:59h, 1 Kommentare

 

Jährlich finden Tonnen von Lebensmitteln aufgrund eines abgelaufenen Mindeshaltbarkeitsdatums den Weg in den Müll. Das kürzlich entdeckte, antimikrobiell wirkende Bisin könnte die Haltbarkeit um Monate bis Jahre verlängern – so die Vision des Entdeckers. Doch liefert uns der Mikrobiologe damit wirklich das Wundermittel gegen Lebensmittelverderb?

Es klingt schon verlockend: Käse, der nicht schimmelt; Milch, die nicht sauer wird und frisches Fleisch, das auch nach Monaten noch genießbar ist. So jedenfalls sehen die Vorstellungen des Mikrobiologen Doktor Dan O’Sullivan von der Universität in Minnesota aus, der kürzlich das antibiotische Eiweiß Bisin entdeckte. Die von einem harmlosen Darmbakterium produzierte Substanz wirkt gegen eine Reihe von Keimen wie Salmonellen, Listerien und E. coli-Bakterien, die nicht nur für den Verderb der Produkte sondern auch für Lebensmittelvergiftungen verantwortlich sind. Mehr als Bisin und eine luftdichte Verpackung braucht es angeblich nicht, um Lebensmittel wie Fleisch, Fisch, Eier oder Sandwiches für Monate oder gar Jahre haltbar zu machen. Der Lebensmittelabfall, der zu einem wesentlichen Teil aus überlagerten Waren besteht, könnte sich damit wohl erheblich reduzieren. Ferne Zukunftsmusik soll dies jedenfalls nicht bleiben, wenn es nach dem Entdecker geht, der momentan mit mehreren Herstellern verhandelt. Entsprechende Produkte könnten bereits in drei Jahren auf den Markt kommen. Doch sind die „unverderblichen“ Lebensmittel wirklich die optimale Lösung im Kampf gegen die globale Verschwendung?

Bisin gehört zur Gruppe der Lantibiotika, einer speziellen Form von Antibiotika. Verschiedene Vertreter hiervon zeigten sich bereits in der Medizin als vielversprechende Medikamente gegen einige antibiotikaresistente Krankheitserreger. ähnlich wie bei den herkömmlichen Antibiotika könnte der breite Einsatz von Bisin in Lebensmitteln zu einer raschen Resistenzentwicklung der Keime führen. Schließlich gelangen derartige Substanzen auch in die Umwelt und kein Lebewesen passt sich schneller an „bedrohliche“ Lebensbedingungen an als Mikroorganismen. Die aussichtsreiche Wirkung der Lantibiotika wäre für die Medizin womöglich hinfällig, noch bevor ein entsprechendes Medikament in der Praxis zum Einsatz käme.

Zugleich stellt sich die Frage, welchen Nährwert ein monatealtes Lebensmittel noch vorweist. Besonders Vitamine und Fettsäuren sind empfindlich gegenüber Sauerstoff, Licht und hohen Temperaturen. Ein Antibiotikum kann diese nicht vor dem Verfall schützen. Was nützt ein Lebensmittel, das nach einem Jahr zwar noch bedenkenlos genießbar ist, aber keine wichtigen Nährstoffe mehr liefert?

Ob mit Bisin konservierte Lebensmittel in den Handel kommen, bleibt abzuwarten. Für Schnellimbissketten oder Fertigprodukthersteller wäre dies durchaus vorstellbar. Inwiefern sich die Nahrungsmittelindustrie von dem neunen Konservierungsstoff begeistern lässt, bleibt fraglich, schließlich profitiert diese von der „Wegwerfen-und-Neukaufen“-Mentalität vieler Verbraucher. Im Übrigen ist ein ähnliches Konservierungsmittel bereits seit Jahren im Einsatz: Nisin oder auch E234. Dieses schaffte es bislang aber nur in Käse, Schmelzkäse und Puddings. „Unverderbliche Wunderlebensmittel“ wurden hieraus nicht.


Aachen [ Dipl.troph. Christine Langer fet-ev.eu ] 19.08.2011

 

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1 Kommentare:

Kommentar von Dani Schnider www.fleischkompetenz.ch am 29. 8.2011 16:43h:
Haltbarkeit gleich Frische?

Nicht ganz in dieselbe Liga, aber zum selben Thema gehören die immer längeren Haltbarkeitsdaten auf SB-Packungen in den Grossverteilern. Wenn in Reinräumen Produkte, wie Schinken, ausgepackt und geschnitten werden, dann ist die Anfangskeimbelastung sehr tief. Wo keine Keime drauf sind, können keine wachsen. Das leuchtet ein. Wenn Ware länger haltbar ist, kann sie länger verkauft werden. Die Warenverluste verringern sich ebenfalls deutlich. Aber ist ein Schinken, der geschnitten über 15 Tage in der Packung liegt, wirklich noch frisch? Bakteriologisch gesehen bestimmt. Aber wie ist es mit Genuss und Geschmack? Ist eben geschmackssache.
Da lob ich mir doch frisch hauchdünn geschnittenen Bauernschinken aus der Metzgerei!
En Guete und en Gruess
Dani Schnider